Virtuos, charmant und sexy: Pop-Paganini David Garrett gastiert auf seiner „Classic Romance“-Tour mit der Staatskapelle Weimar in der Stuttgarter Liederhalle
Von Ole Detlefsen
Stuttgart - Wunderkind, Ausnahmetalent, Pop-Paganini, der deutsche Kurt Cobain mit Geige - David Garrett kann sich vor Titulierungen kaum retten. Er steht auf den Einladungslisten der TV-Talkshows ganz oben, gilt er doch als ein telegener Plauderer. Er ziert die Titelseiten von Magazinen, schließlich ist er ein recht Hübscher, der die junge sowie die betagtere Damenwelt gleichermaßen betört. Bei so viel Erfolg bleibt Kritik nicht aus. Zum Beispiel von denen, die ihm vorwerfen, den Spagat zwischen E- und U-Musik auf die Spitze zu treiben. Die seinen lockeren Umgang mit dem Publikum und sein Grunge-Outfit anprangern, weil sie mit den vermeintlichen Konventionen eines Klassik-Konzertes nicht konform gehen. Die den Ausverkauf der Kunst vermuten, weil Garrett durch seine Crossover-Einsätze auch ein jüngeres Publikum für sich einnimmt, das sich erdreistet, auch zwischen den Sätzen Applaus zu spenden.
Selbst ein massenkompatibler Medienliebling, wie es Garrett nun mal ist, kann es also nicht allen recht machen. Dennoch versucht der 29-Jährige genau dies zu tun. „Classic Romance“ heißt das Album zur Tour, die ihn zusammen mit der Staatskapelle Weimar unter dem Dirigenten George Pehlivanian in die Stuttgarter Liederhalle führt. Für Garrett ist es die Rückkehr zu den klassischen Wurzeln, wobei einige Stücke auch Zuhörern mit niedriger Klassik-Affinität bekannt vorkommen dürften. „Csárdás“ von Vittorio Monti, „Ungarischer Tanz Nr. 5“ von Brahms oder Dvoráks „Humoresque“ sind leicht konsumierbare Kompositionen, die auch auf Kompilationen von Kaffeeröstern zu finden sind. Eigenständiger, wenn auch nicht weniger gefällig, sind die Bearbeitungen von „Vocalise“ von Rachmaninoff sowie Tschaikowskys Vertonung des Goethe-Gedichts „Nur wer die Sehsucht kennt“. Ursprünglich für Piano und Gesang geschrieben, verleiht Garretts Bearbeitung den Melodien eine neue Stimme, eine eigene Klangfärbung. „He’s a pirate“ aus dem Film „Fluch der Karibik“ bleibt in diesem Gefüge der einzige musikalische Ausflug in Pop-Gewässer. Aber Garrett ist ja Pop genug. Mit dunklem Jackett, schwarzem Hut, Pferdeschwanz-Frisur und zerrissenen Jeans lehnt er lässig an einem Barhocker und erzählt zwischen den Stücken amüsante Anekdoten aus seinem Leben. Die sind treffsicher komponiert, wobei der Meister während seiner Anmoderationen schon mal auf den Notenständer schielt. Den Eindruck, in ihm einen Entertainer von hohem Unterhaltungswert vor sich zu haben, schmälert dies keineswegs. Locker und charmant führt er durch das Programm und schafft durch den Small Talk mit dem Publikum fast so etwas wie Intimität.
Seine handwerkliche Klasse beweist er im zweiten Teil des Abends. Mit dem Violinkonzert von Felix Mendelssohn, das Garrett schon als Elfjähriger öffentlich spielte, zeigt der Beau, was er bei seinen renommierten Lehrern, darunter Zakhar Bron, Ida Haendel und Itzhak Perlman, gelernt hat. Technisch brillant macht er sich das Werk zu eigen, entlockt seiner Geige eine ungeheure Klangvielfalt und bleibt dennoch mit seiner Stimme im Dialog mit dem Orchester. Unverkrampft sieht das bei ihm aus, und wenn er bei einigen Passagen beseelt lächelt, hat das nichts mit Wirkung zu tun. In diesen Momenten ist zu spüren, dass Garrett die Musik lebt und liebt. Diese Authentizität wird belohnt. Die einen spenden Standing Ovations, die anderen johlen. Diese generationsübergreifende Begeisterung macht jede Diskussion überflüssig. Garrett überzeugt sie alle.