Interview mit David Garrett über Michael Jackson.
Viel Spaß.
Gruß Nina
Quelle: http://www.zeit.de/
Star-Geiger Garrett
"Jackson war ein klassischer Künstler"
© ZEIT ONLINE 30.6.2009 - 15:42 Uhr
Der Tod des "King of Pop" erschütterte die Musikszene. Der Star-Geiger David Garrett spricht über Jacksons Leben zwischen Perfektionismus und medialem Druck
"Es ist schwierig, der Verantwortung seinem eigenen Talent gegenüber gerecht zu werden", sagt David Garrett
© Karsten Woelk
ZEIT ONLINE: Herr Garrett, warum berührt der Tod Michael Jacksons sogar Menschen, die seine Musik kaum gehört haben?
David Garrett: Aufgrund seiner fast beispiellosen Popularität wurde Michael Jackson mit der Zeit zu einem Teil der Menschen und ihrer Erinnerungen. Egal, ob man die Musik mag oder nicht. Jackson war ein unglaublich talentierter Mann, der vielleicht gerade damit am Ende nicht mehr zurecht gekommen ist. Wenn man so begabt ist wie er, ist es sehr schwierig, der Verantwortung seinem eigenen Talent gegenüber gerecht zu werden. Viele Künstler zerbrechen daran, und ich fürchte, genau das ist ihm passiert.
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ZEIT ONLINE: Michael Jacksons Tod wirft viele Fragen nach der Freiheit und Autonomie des Künstlers im Zeitalter globaler Vermarktungsstrategien auf. Wie denken Sie darüber?
Garrett: Er hat schon als junger Mann Karriere gemacht. Das heißt auch, dass er sehr bald von vielen Leuten fremdbestimmt wurde. Ich habe nach meiner Zeit als Wunderkind glücklicherweise früh genug einen Schlussstrich ziehen können und mich vom Konzertleben zurückgezogen. Michael Jackson hat das, glaube ich, nie so richtig geschafft. Er hat sein ganzes Leben gesucht, was man als Kinderstar verliert: die Kindheit. Wer sich damit emotional nicht abfinden kannn, läuft dieser verlorenen Kindheit das ganze Leben hinterher. Ich glaube, das war die Tragik seines Lebens – und seines Sterbens.
ZEIT ONLINE: Mit Michael Jackson erreichte die mediale Selbstinszenierung und Selbstermächtigung des Künstlers einen einsamen Höhepunkt.
Garrett: Wenn man so früh zum Megastar wird wie er, ist es schwierig, sein Selbstbewusstsein auf natürliche Weise zu entwickeln. Das ist ein langsamer Prozess, zu dem auch gehört, dass man lernt, sich – vor allem in den Teenagerjahren – in seinem eigenen Körper wohlzufühlen. Michael Jacksons Selbstinszenierung war vielleicht einfach eine Flucht nach vorne, ein Schutzmechanismus, um Selbstbewusstsein vorzutäuschen. Dieser Widerspruch zwischen Eigenwahrnehmung und Fremdwahrnehmung ist schwer zu verarbeiten.
ZEIT ONLINE: Gegen eine derart schillernde Pop-Ikone sehen Klassik-Stars oft sehr alt aus. Was kann die Klassik von einem wie Michael Jackson lernen?
"Jackson war ein klassischer Künstler"
Porträt
David Garrett
Er wurde 1980 in Aachen als David Bongartz geboren. Bereits im Alter von vier Jahren begann er mit dem Geigenspiel und wurde aufgrund seiner Begabung als Wunderkind gefeiert. Er nahm den Nachnamen seiner amerikanischen Mutter an.
Nach dem Abitur zog er nach New York, um in der Meisterklasse von Itzhak Perlman an der Juilliard School zu studieren. Nebenher arbeitete er als Fotomodell.
Im Jahr 2001 erhielt er als einer der Ersten das Gerd-Bucerius-Förderstipendium der ZEIT-Stiftung. 2008 bekam er den Echo in der Rubrik Klassik ohne Grenzen.
Im Januar 2009 war er in Deutschland mit dem Programm seiner Crossover-CD Encore zu hören. Im Mai folgte dann der zweite Teil seiner klassischen Konzerttournee mit der Pianistin Milana Chernyavska.
Garrett: Ich glaube, es war genau andersherum: Michael Jackson hat sich, was seinen Perfektionismus betraf, viel eher an der Klassik orientiert. Wenn man seine Platten hört, die Art, wie alles zusammengestellt ist, die Arrangements und auch sein Gesang, stellt man fest, dass er fast ein bisschen wie Sascha Heifetz war. Das mag sich nach einem gewagten Vergleich anhören. Er war sehr kompromisslos, wenn es um seine Musik und seinen Gesang ging. Wenn man selber diese Perfektion sucht, entsteht ein enorm hoher Druck, diesem allem über Jahre hinweg gerecht zu werden. In der Hinsicht war Jackson ein echter Klassiker-Künstler. Das ist im Pop- und Rockbereich heutzutage nicht mehr selbstverständlich. Michael Jackson war Old School.
ZEIT ONLINE: Jackson stand immer im Rampenlicht. Er hatte keine Rückzugsmöglichkeiten und fühlte sich doch einsam.
Garrett: Diese Einsamkeit kann ich sehr gut nachvollziehen. Je mehr Menschen dich kennen, desto mehr ziehst du dich zurück. Die ganz normale Freundschaft wird umso schwieriger, je populärer man wird. Weil jeder, der dich anruft, irgendetwas von dir will. Das kann schon sehr entmutigend sein.
ZEIT ONLINE: In der griechischen Tragödie gibt es den Begriff Hybris, also die Anmaßung, die den Zorn der Götter auf sich zieht. Inwieweit hat Michael Jackson ein mythisches Schicksal erlitten?
Garrett: Ich glaube nicht, dass er es selbst so gewollt hat. So etwas kann man auch nicht kalkulieren. Manche Situationen kann ein Mensch allein einfach schlecht verarbeiten. Man kann sich kaum vorstellen, unter welchem Druck er in den letzten Jahren gelebt hat, als die positive Popularität ins Negative umschlug. Die Medien haben nur noch das Bizarre und Verrückte gesucht. Möglicherweise hat er sich dann in sein Schicksal ergeben.
Das Gespräch führte
Burkhard Schäfer.
If you can dream it, you can do it.
Walt Disney (1901-1966)
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Love comes unseen; we only see it go.
Austin Dobson (1840-1921)